„Auf drei Aufnahmen mit Klavierwerken Robert Schumanns ließ die für das Label audite aktive deutsch-koreanische Pianistin Jimin Oh-Havenith im vergangenen Jahr klavierhistorisch folgerichtig eine 3-CD-Einspielung mit Werken von Johannes Brahms (1833-1897) folgen. Da die Gesamtheit von Brahms‘ Klavierwerken ungefähr den doppelten Raum einnimmt, handelt es sich um eine Auswahl. Nicht jeder der hier vertretenen Zyklen ist also zur Gänze vertreten. Gleichwohl umspannt diese Werkschau die Entwicklung des Hamburgers durchaus repräsentativ von Anfang bis Ende, da die Variationen über ein Thema von Robert Schumann op. 9 am Anfang stehen und das „Intermezzo“ in h-Moll aus den Klavierstücken op. 119 am Ende. Dazwischen gibt es Balladen, Rhapsodien, Klavierstücke, Fantasien, aber auch die Walzer op. 39 und als Besonderheit die Bearbeitung der Bach’schen „Chaconne“ für die linke Hand.
Möchte man Oh-Haveniths Zugriff im interpretatorischen Universum der Brahms-Klavierwerke einordnen, so stehen wohl ein stetiges, aber nie aufdringliches, überwiegend gleichmäßiges Vorwärtsdrängen im Vordergrund bei durchweg hoher Intensität des Ausdrucks. Dieser Brahms ist keine Musik fürs Kaminfeuer, die Inseln der Ruhe schafft, sondern besteht eher aus aufgewühlten Seelengemälden, in denen ständig etwas passiert. […] Der Blick liegt auf dem alles überspannenden, sich immer weiter entwickelnden Bogen, wobei die linke Hand überdurchschnittlich viel Gewicht erhält, ohne die Melodielinie je zu übertönen. Es muss allerdings auch gesagt werden, dass die interpretatorische Seite hier kaum vom Klangbild zu trennen ist. Im Vergleich mit anderen Aufnahmeorten, die trockener klingen, weist der 376 Quadratmeter einnehmende Leibniz-Saal in Hannover einen klar ausgeprägten Hall aus, während die Mikrofonierung den Hörer nah am Bösendorfer 280 platziert (fast so, als würde man davorsitzen).
Das Ergebnis ist ein transparentes Eintauchen in den Klang auf einer breiten Stereobühne. Zugleich verringern sich die Abstände zwischen den Tönen, ohne aber je ineinander zu verschwimmen. Gleichwohl gibt es kaum Pausen. […] Diese Beobachtung ist mit keiner Wertung verbunden, denn dem Rezensenten gefällt diese Einspielung hier ganz ausgezeichnet. Wer es immersiv aufgewühlt und vorwärtsdrängend mag, ist bei Oh-Havenith genau richtig aufgehoben, zumal ihr Blick auf Brahms durchweg überzeugt.“
(Aron Sayed, klassik.com, 26.03.2026)