Brahms - Piano Works -Jimin Oh-Havenith

Fernando Alday, et-sona.com, 29.01.2026

Seltene Balance zwischen intellektueller Strenge und expressiver Wärme

„Die jüngste Veröffentlichung der koreanisch-deutschen Pianistin Jimin Oh-Havenith beim Label audite gehört zweifellos zu den Werken, die man sich nicht entgehen lassen sollte. In einem so viel gespielten Repertoire wie dem Klavierwerk von Johannes Brahms, das oft von Interpretationen dominiert wird, die klangliche Dichte oder technische Brillanz in den Vordergrund stellen, zeichnet sich diese Gesamtaufnahme auf drei CDs durch eine seltenere Eigenschaft aus: die Fähigkeit, das Hören in Reflexion zu verwandeln. Es geht nicht darum, zu blenden, sondern zu verstehen; nicht darum, sich dem Werk aufzudrängen, sondern ihm zu erlauben, seinen intimsten Atemzug zu offenbaren. Dieses Projekt entsteht nicht isoliert. Es ist Teil eines kohärenten künstlerischen Weges,  der mit Geduld, Strenge und einer tiefen Treue zum musikalischen Text aufgebaut wurde. […]

Die Wahl eines Bösendorfer 280 Flügels trägt entscheidend zum Klangergebnis bei. Die tiefen Bässe und die abgerundeten Höhen passen ideal zum Brahms’schen Universum. Die Tonaufnahme, getreu dem Audite-Standard, bietet eine ausgezeichnete Balance zwischen Nähe und räumlicher Wirkung. Das Klavier atmet, und mit ihm atmet die Musik. Diese Aufnahme will nicht in Sachen Spektakularität mit anderen Brahms-Gesamtaufnahmen konkurrieren. Ihr Wert liegt woanders: in der Kohärenz des Ansatzes, in der interpretatorischen Ehrlichkeit und in der Fähigkeit, eine einheitliche Vision eines umfangreichen und komplexen Repertoires zu bieten.

Oh-Havenith reiht sich in die große deutsche Interpretationstradition ein, ohne in Akademismus zu verfallen, und bringt eine menschliche Wärme ein, die zutiefst überzeugend ist. Dieses Werk ist mehr als nur eine Ergänzung des Plattenkatalogs: Brahms: Solo Piano Works ist eine Referenz für alle, die den Komponisten von innen heraus verstehen wollen. Es ist eine Interpretation, die zum aufmerksamen Zuhören, zum Wiederhören und zum Zusammenleben mit der Musik einlädt.

Jimin Oh-Havenith präsentiert in dieser Aufnahme einen Brahms ohne unnötige Feierlichkeit, nahbar, verletzlich und zutiefst menschlich. Ihre Interpretation strahlt eine ruhige Sicherheit aus, die das Ergebnis jahrelanger Arbeit und Reflexion ist, und schafft eine seltene Balance zwischen intellektueller Strenge und expressiver Wärme. In einer Zeit, die von Geschwindigkeit und unmittelbarer Wirkung geprägt ist, schlägt diese Aufnahme eine andere Art des Zuhörens vor, die langsamer und tiefer geht. Damit ist sie ein notwendiger und bleibender Beitrag zum interpretatorischen Erbe von Johannes Brahms.“

(Fernando Alday, ET SONA – HIFI & MÚSICA , 29.01.2026, => ganzer Artikel (in Spanisch)